Sfr. Neuberg II bleibt beim 2,5:5,5 gegen favorisierte SG Bensheim chancenlos

Ausgerechnet bei der nominell stärksten Mannschaft musste Neuling Schachfreunde Neuberg II den Saisonauftakt in der Verbandsliga Süd bestreiten. Die Bezeichnung „Neuling“ ist durchaus angemessen, obwohl die Hanauer Vorstädter in den beiden Jahren zuvor jeweils den vierten Rang in der zweithöchsten hessischen Spielklasse belegen konnten, womit man bekanntlich weder zum Aufstieg berechtigt noch zum Abstieg verdammt ist. Die laut HSV-Turnierordnung flexibel gestaltete Einteilung der beiden Verbandsligen Nord und Süd hatte allerdings zur Folge, dass die „Mittelmacht“ aus Neuberg erstmals seit anderthalb Jahrzehnten der Südstaffel zugeordnet wurde, wodurch immerhin die beliebten Fernreisen ins Kasseler Umland zukünftig entfallen werden.

SG Bensheim – Sfr. Neuberg II 5,5:2,5: Spätestens mit dem Verlesen der Brettpaarungen war den Gästen bewusst, dass die Trauben recht weit oben hängen werden. Die SG Bensheim hatte alle acht gemeldeten Stammkräfte an Bord, sodass sich an fünf von acht Brettern ein deutliches DWZ-Übergewicht für die Hausherren ergab. Dr. Christian Lehnert (gegen Herbert Kargoll) und Frank Drill (gegen Dr. Michael Uhl) hatten nominell ebenbürtige Gegner, einzig Norbert Heck war am Spitzenbrett gegen den immerhin erstbundesligaerfahrenen Gerhard Bosbach in der Favoritenrolle.

Das 1:0 für Bensheim habe ich (Frank D.)mit einer eigentorartigen Variantenberechnung quasi selbst erzielt. Aus der passiven, aber soliden Philidorverteidigung heraus bekam ich im 20. Zug gute Gegenchancen, was folgendes Stellungsfragment belegen soll:

Weiß: Kg1, De5, Td1, Lb3, Sh4, h2,g2,f2,c2,b2,a2 Schwarz : Kg8,Dc8,Tf8,Lg4,Sb6,h7,g7,f7,c5,b7,a7

Schwarz (also ich) droht sowohl Lg4:d1 als auch Läufergewinn mittels c5-c4, was aus Sicht des Anziehenden den Gegenangriff 21. f2-f3 erzwingt. Nach der natürlichsten aller denkbaren Reaktionen – nämlich 21… Lg4-d7 ! – liegt c5-c4 weiterhin in der Luft, zudem könnte – nach dem Luftloch 22. c2-c3 ! – Schwarz seinen Turm auf die zweite Reihe befördern (Tf8-e8-e2) oder den auf h4 deplatzierten Schimmel beäugen.

Angesichts dieser Perspektiven erscheint es für den Betrachter schwer verständlich, dass Schwarz zwei Züge später mit einer unparierbaren Mattdrohung konfrontiert wird: 21… c5-c4 ?? 22.fg4: cb3: 23. Sf5 ! … (besagte Mattdrohung wollte ich laut meiner Vorausberechnung nun frohen Mutes mit dem multifunktionalen Dc8Xg4 parieren, was einen Bauern einbringt, g7 deckt und den Td1 angreift. Leider steht in der realen Position längst der Gaul auf f5, wodurch die tolle „Parade“ sich in Luft auflöst und die Partie sofort abgepfiffen wird: 23. Sf5 f6 24. De7 aufg. 1:0

Quasi aus dem Nichts heraus einen Mattangriff zu komponieren schaffte Niklas Iwanziw am siebten Brett gegen Bensheims Bernd Goeke. Auch hier wollen wir uns nach Ausführung des 20. Zugs zuschalten:

Weiß: Kg1,Dd1,Te1,Ta1,Se4,Lf3,a3,b2,d4,f2,g2,h2 –Schwarz: Kg8,Dd6,Tf8,Ta8,Sb6,Le6,a7,b7,c6,f7,g6,h7

Korrekt wäre nun gewesen, die angegriffene Dame nach e7 zu überführen, um die geschwächten schwarzen Felder am Königsflügel zu kontrollieren. Danach bliebe zwar der Le6 kurzzeitig gefesselt (20…De7 ! 21. Sc5 Tae8 22. Se6: fe6: +=), doch wäre dies das deutlich geringere Übel im Vergleich zur Partiefortsetzung gewesen: 20… Dc7 ? 21. Sf6+ Kg7 22. d5 !! (die Kraft dieses Vorstoßes liegt weniger darin, den Isolani aufzulösen, sondern vielmehr das Feld d4 für die Dame zu räumen !) 22… Sd5: (cd5: 23. Dd4 ! +-) 23. Ld5: Kf6: (Schwarz muss in den sauren Apfel beißen, da 23…Ld5: ?? ein verheerendes Doppelschach zur Folge hätte: 24. Dd4 ! c5 25. Se8+ Kh6 26. Dh4++) 24. Dd4+ Ke7 25. Dh4+ Kd7 26. Le6:+ fe6: 27. Tad1+ Kc8 28. Te6: Df7 ? 29. Te7 Df5 30. Dg3 aufg. Und 1:0, weil das Matt auf c7 nur unter Preisgabe eines Turmes abzuwenden ist.

Norbert Heck musste sich am Spitzenbrett mit Gerhard Bosbach auseinandersetzen, in dessen Scorer-Karte u.a. ein Hundert-Prozent-Saison-Resultat (!) in der Zweiten Bundesliga vermerkt ist (6/6 in der 2. BL Süd 1998/99 mit einer Magnus-Carlsen-Erfolgszahl von 2845 DWZ). Derartiges zu wiederholen, wird dem Bensheimer Urgestein in dieser Spielzeit nicht vergönnt sein, dazu bot Norberts Katalanische Wand nämlich keinerlei Angriffspunkte. Die allzu optimistische Zentrumsattacke 15… c6-c5 ? (in der Bauernformation c4+d4 gegen e6+c6 wäre aus schwarzer Sicht passives Abwarten angesagt gewesen !) gab Weiß die Möglichkeit, sich mit 17. d4-d5 ! einen starken Freibauern zu schaffen. Als ich 10-15 Züge später einen weiteren Blick auf die Stellung warf, war dem Nachziehenden die Qualität abhanden gekommen und besagter d-Bauer bis nach d7 gerast (1:0, 35.Zug).

Wenig zu bestellen hatte leider auch Karl-Heinz Scherf am 6.Brett, dessen Schwarz-Aufgabe gegen den 200 DWZ-Punkte schwereren – und ebenfalls zweitbundesligaerfahrenen - Werner Riebel allerdings auch faktisch unlösbar war. Gegen Riebels Damenbauernspiel mit frühem Lg5 hatte Karl-Heinz mit der Befragung h7-h6 nebst g7-g5 Felderschwächen am Königsflügel produziert, in die der Bensheimer mit seinem quicklebendigen Springer auch hineingestoßen war(2:2).

Nach dreistündigem Schaffen und vier entschiedenen Partien war auf der Spielberichtskarte ein 2:2 vermerkt. Aussichten, etwas Zählbares aus Bensheim mitzunehmen, bestanden zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht mehr, da die Hausherren an den vier übrigen Brettern entweder über ein materielles oder ein positionelles Übergewicht verfügten (oder über beides !). Tatsächlich machten die Strategen von der Weinstraße daraus 3,5 Punkte aus vier Partien.

Dennis Hummel hatte als Anziehender im Geschlossenen Sizilianer eine Leichtfigur eingebüßt. Statt das materielle Übergewicht locker nach Hause zu schaukeln, stürzte sich sein Gegenüber Markus Meier mittels Turmopfer in ein taktisches Getümmel, was kaum zu überhörende Unmutsäußerungen bei den Teamkollegen zur Folge hatte. Für die Minusqualle hatte der Bensheimer zugegebenermaßen aktives Figurenspiel, vermutlich allerdings nichts Konkretes. Kurz vor der Zeitkontrolle versuchte sich Dennis, mittels Vereinfachungen des Drucks zu entledigen, landete dabei aber in einem verlorenen Endspiel mit schwarzem Freibauern und passiven eigenem König. Peter Grosse (Brett 8), der für den verhinderten Aaron Knickel eingesprungen war und somit innerhalb von 20 Stunden zwei Teamwettkämpfe für Neuberg bestreiten durfte (Samstagabend in der BOL für Neuberg III, Sonntagnachmittag für Neuberg II), hatte ein Doppelturmendspiel mit ungleichen Läufern und Minusbauern zu verwalten. Besagte Position befand sich aus Gästesicht in der Grauzone zwischen Remis und Verlust. Möglicherweise etwas näher an Letzterem, da die Freibauern beider Akteure auf verschiedenen Flügeln nach vorne marschierten und die Türme seines Kontrahenten Sören Zipp den etwas aktiveren Eindruck hinterließen. Irgendwann war auch hier Schicht im Schacht (4:2).

Um im „Spanier“ dem angriffsgewaltigen Heinz Stelzer nicht den König ausliefern zu müssen, hatte sich Dennis Hankel am zweiten Brett beharrlich des schweren Holzes entledigt und ein Leichtfigurenendspiel angesteuert, dass – formulieren wir es mal vorsichtig – gewisse Remispotentiale in sich barg, aber in dem Weiß ständig am Drücker war.

Eine schwierige Entscheidung musste unser Mann mit seinem 35. Zug treffen:

Weiß: Ke3,Lh2,Sf4,a3,b3,c3,d4,g4,h4 - Schwarz: Kf7,Lb7,Se6,a5,b6,c7,c6,f6,h6

Soll Schwarz die Springer im Spiel halten oder einen Minusbauern in Kauf nehmen, um den Übergang in ein Endspiel mit ungleichen Läufern zu forcieren ?

Als Kandidat bei Günther Jauch würde ich bei dieser Frage vermutlich entweder den Publikumsjoker bemühen oder bei Norbert Heck anrufen. Falls beide Joker bereits vergeben sind, würde ich versuchen, meine Antwort möglichst allgemein zu halten:

  1. Weg mit dem Gaul, denn in der „Räuberschach-Zugfolge“ 35…Sf4: 36. Lf4: Lc8 37. Lc7: Lg4: 38. Lb6: Ld1 39. La5: Lb3: ist die Remisbreite möglicherweise nicht überschritten.“

  2. Weiß könnte mit 37. Kf3 (statt Lc7:) Le6 38. Lh6: Lb3: 39. Lf4 a4 40. Lc7: b5 ein paar Akteure mehr auf dem Spielfeld belassen.“

  3. Statt sich den Bauch mit hängenden Bauern vollzuschlagen, könnte Weiß im Läuferendspiel den Akzent von Quantität auf Qualität legen, und sich mit dem eingebauten Stopp 37. Kf3 Le6 38. b4 ab4: 39. cb4: Kg7 40. a4 usw. den womöglich siegreichenden Freibauern am Damenflügel sichern. Vielleicht funktioniert es mit Pferd doch besser ?!

 

Dennis beorderte nach kurzer Prüfung seinen Hengst nach g7 zurück, was insofern Sinn macht, weil dadurch der Deckungszug Sg7-e8 als mögliche Option erhalten blieb. Spätestens in der Position:

Weiß: Kg3, Lf4, Se2, a3,b4,d4,g4,h4 – Schwarz: Kf7, Ld5, Se8, b6,c7,c6,f6,h6 (41. Zug Schwarz)

war dann absehbar, dass der Plan nicht aufgehen wird, weil auf den Deckungszug 41… Kg7 42. a4 alle schwarzen Potentiale gebunden sind und der freie weiße a-Bauer durchrasen wird. Dennis opferte daher kurze Zeit später einen Offizier, um möglichst viele Stelzer-Bauern zu eliminieren, doch der „richtige Randbauer“ namens Heinrich sollte blieb bis zum Abpfiff vom Zugriff verschont bleiben (1:0, 66.).

Mittlerweile konnte auch Kapitän Christian Lehnert mit großer Zähigkeit und etwas Dusel seine weißfarbige Fregatte in den Remishafen überführen. Aus einem ruhigen Abspiel der Italienischen Verteidigung heraus schien der Anziehende aufgrund seines Freibauern auf der d-Linie Oberwasser zu bekommen, doch ein Leck in der Variantenberechnung spülte den d-Bauern auf hoher See über Bord. Beim Durchzählen des Personals fehlte nunmehr ein Leichtmatrose, zudem hatte der Kapitän der angreifenden Armada (Herbert Kargoll) im Damenendspiel noch den starken Läufer (gegen Christians Springer) in der Bordkanone. Schenkt man den Aufzeichnungen und dem Getuschel der unbeteiligten Seeleute Glauben, so hätte Kargoll kurz vor der Zeitkontrolle mit zwei simplen Schachgeboten seine Flotte um ein ungeschütztes weißes Pferd erweitern können – womöglich ist dies jedoch alles Bensheimer Seemannsgarn…

SG Bensheim – Sfr. Neuberg II 5,5:2,5: Brett 1: Bosbach – FM Heck 0:1; 2: Stelzer – Hankel 1:0; 3: Kargoll – Lehnert remis; 4: Dr. Uhl – Drill 1:0; 5: Meiser – Hummel 1:0; 6: Riebel – Scherf 1:0; 7: Goeke – Iwanziw 0:1; 8: Zipp – Grosse 1:0