Schach/ Verbandsliga Süd: Sensationeller Auswärtserfolg beim Spitzenreiter

Am achten Spieltag der Verbandsliga Süd triumphierte die zweite Mannschaft der Neuberger Schachfreunde beim zuvor ungeschlagenen Spitzenreiter SK Langen mit 6:2 und hat sich dadurch selbst als Aufstiegskandidat ins Gespräch gebracht. Vor der Schlussrunde, die am 23. April ausgetragen werden wird, können nicht weniger als vier Vereine die Meisterschaft unter Dach und Fach bringen, was in der zweithöchsten hessischen Spielklasse ein absolutes Unikum sein dürfte. Neuberg II (12:4 – 37,0) liegt gemeinsam mit der SG Bensheim (12:4 – 37,0) mannschafts- und brettpunktgleich an der Spitze, während der Ligadritte Schachforum Darmstadt (11:5 – 37,0) auf einen Ausrutscher der beiden Führenden lauert. Eher theoretischer Natur sind die Aussichten für den SK Langen (11:5 – 34,0).

SK Langen – Sfr. Neuberg II 2:6: Dass die Truppe um Teamchef Christian Lehnert nach dem wenig verheißungsvollen Saisonstart (1:3 Punkte nach zwei Spieltagen) an der Pole Position schnuppern darf, dürfte selbst die kühnsten Optimisten überrascht haben, zumal man zwischendrin beim unnötigen 4:4 gegen das abgeschlagene Schlusslicht SC Lorsch (1:15 Punkte) zusätzlich noch einen fest eingeplanten Zähler hat liegengelassen. Die Aussichten, ausgerechnet beim bis dahin ungeschlagenen Spitzenreiter SK Langen (11:3) den großen Coup zu landen, waren daher überschaubar, zumal die Südhessen in Bestbesetzung an die Bretter gingen.

Aber auch Neuberg II hatte dieses Mal alle Stammspieler an Bord. Der aus Mannheim angereiste Aaron Knickel war bereits 90 Minuten vor dem Anpfiff am Ort des Geschehens, um sich zu bei herrlichem Sonnenschein zu akklimatisieren. In sportlicher Hinsicht ausgezahlt hatte sich das Aufwärmprogramm dann allerdings nicht, tatsächlich musste Aaron als Erster die Segel streichen. Sein Langener Kontrahent Ali Özdemir vermasselte ihm per Springerscheinopfer auf d6 die Möglichkeit zur kurzen Rochade, was die Koordination der schwarzen Figuren empfindlich behinderte. Die erzwungenen Sanierungsmaßnahmen kosteten Aaron Qualität und Bauer, sodass sich weiterer Widerstand erübrigte (1:0,22.Zug).

Quasi im Gegenzug konnten die Gäste durch Karl-Heinz Scherf zum Matchausgleich egalisieren. Dieser hatte gegen Raimund Ochmanns c3-Sizilianer seinen Defensivspringer etwas ungewöhnlich auf dem Feld g6 platziert, wonach der Langener – in der irrigen Annahme, dadurch einen Bauern zu erobern – sich zu taktischen Scharmützeln hinreißen ließ. Als sich der Rauch verzogen hatte, verfügte Karl-Heinz über eine solide Mehrfigur, dessen Verwertung angesichts des reduzierten Materials (Turm und Läufer gegen Turm) keine Probleme bereitete.

Den erwartet schweren Stand hatte Norbert Heck mit den schwarzen Steinen gegen den solide agierenden Frank Keim (DWZ 2158). Aus der Pirc-Verteidigung (1. e4 g6 2. Sf3 Lg7 3. Lc4 usw.)heraus unterlief dem Neuberger Vereinsvorsitzenden im 19. Zug ein strategisch verfehlter Bauernvorstoß am Damenflügel, wodurch sich Keim im Schwerfigurenendspiel einen gedeckten Freibauern auf der c-Linie verschaffen konnte, dessen Umwandlung nicht mehr zu verhindern war.

Ungleich erfolgreicher agierte Neuberg in der hinteren Bretthälfte, wo den Gästen eine hundertprozentige Punktausbeute gelang. Mit dem Fianchetto seines Königsläufers erschwerte Niklas Iwanziw eigenen Angaben zufolge seinem nominell 200 DWZ-Punkte „schwereren“ Widersacher Willi Koschinski den gewünschten Übergang in die „Grünfeldindische Verteidigung“. Der mutmaßlich partieentscheidenden Fehler unterlief dem Langener allerdings erst im späten Mittelspiel, als Koschinski die zuvor wirksame Blockade des weißen Zentrumsbauern mittels Springer d6 auflöste, wodurch besagter d5-Bauer beweglich wurde und den Angriffsfiguren von Niklas ein überraschendes Mattmotiv ermöglichte.

Dass sich im Schachsport eine zähe Verteidigung oftmals auszahlt, unterstrich Dennis Hummel am sechsten Brett. Sein Gegenüber, der frühere Offenbacher Oberligaspieler Stefan Reisch, verfügte mit den weißen Steinen über klare Angriffsperspektiven am Königsflügel, die er mit einem objektiv korrekten, aber zur Aufrechterhaltung des Stellungsvorteils nicht zwingend notwendigen Qualitätsopfer aufrechterhalten wollte. Kurz vor der Zeitkontrolle entglitt dem Langener die Spielkontrolle, sodass Dennis den Angriff abschlagen und den Materialvorteil im Endspiel zur Geltung bringen konnte. Schließlich war auch noch Frank Drill mit den weißen Steinen am fünften Brett aus undurchsichtiger Position heraus erfolgreich. Um die Konsequenzen eines frühen Bauernopfers des Anziehenden zu berechnen, hatte Langens Robert Becker bereits in der Anfangsphase einen Großteil seiner Bedenkzeit verbraucht. In der „Crunch-Time“ fehlten Becker dann die entscheidenden Minuten, um die taktischen Drohungen des Neubergers zu unterbinden, so dass er kurz hintereinander zwei volle Türme einbüßte.

Nun mehr lag Neuberg mit 4:2 in Führung. Um den Wettkampf siegreich zu gestalten, hätte es nach knapp fünf Stunden aus den beiden laufenden Partien von Dennis Hankel und Dr. Christian Lehnert nur noch eines halben Zählers bedurft. Ein 4,5:3,5 in Langen hätte den Gästen allerdings nur bedingt weitergeholfen, da der mit Neuberg punktgleiche Ligazweite SG Bensheim mit einem Kantersieg im zeitgleich laufenden Heimspiel gegen die SVG Eppstein den Neubergern nach Brettpunkten enteilt wäre. Somit lehnte Dennis am Spitzenbrett das Remisangebot von Erich Flach ab, da er zwar im Endspiel mit einer Minusqualität belastet war, allerdings mit dem vom Läufer unterstützten Freibauern die Initiative besaß, was sich schlussendlich als entscheidend erwies (Weiß: Kb5,Lb7,a4,c4,c3,g4,h4 – Schwarz: Ke7,Td6,c5,g6,h7).

Am längsten am Schachbrett ausharren musste Neubergs Mannschaftsführer Christian Lehnert, der – um der ungeliebten Caro-Kann-Verteidigung auszuweichen – ganz gegen seine Gewohnheit mit dem Damenbauer eröffnet hatte. Bis nach der ersten Zeitkontrolle befand sich seine Position in ungefährem Gleichgewicht, bis Widerpart Norbert Neumann unverständlicherweise den Abtausch der Damen forcierte, wodurch der Langener in einem trostlosen Leichtfigurenendspiel mit von eigenen Bauern zugemauerten Läufer gegen den wendigen weißen Springer landete, welches Christian technisch präzise zum 6:2-Endstand verwertete (Weiß: Kg4,Sg6,c5,d4,e3,f5,h5 – Schwarz: Kf7,Lc8,c6,d5,f6,g7,h6).

In der Schlussrunde empfangen die Neuberger Schachfreunde an diesem Sonntag, 23. April, ab 14 Uhr im Evangelischen Gemeindezentrum den SC Frankfurt-West, der noch um den Klassenerhalt bangen muss. Kaum weniger wichtig als der eigene Erfolg ist der Verlauf der Begegnung Schachfreunde 1921 Frankfurt - SG Bensheim, sodass Neuberg erwägt, Beobachter nach Frankfurt zu entsenden, die den Spielern telefonisch über Zwischenstände informieren. Gelingt Neuberg ein besseres Resultat als Bensheim, dann winkt erstmalig in der Vereinsgeschichte der Aufstieg der „Zweiten“ in die höchste hessische Spielklasse.

SK Langen – Sfr. Neuberg 2:6: Brett 1: Flach – Hankel 0:1; 2: Keim – Heck 1:0; 3: Neumann – Lehnert 0:1; 4: Özdemir – Knickel 1:0; 5: Becker – Drill 0:1; 6: Reisch – Hummel 0:1; 7: Koschinski – Iwanziw 0:1; 8: Ochmann – Scherf 0:1

Knisternde Spannung zu Wettkampfbeginn im Vereinslokal des Schachklubs Langen, wo in allen acht Partien ein Sieger gefunden wurde.
Am längsten am Brett ausharren musste Neubergs Mannschaftsführer Dr. Christian Lehnert, der gegen Langens Norbert Neumann ein leicht vorteilhaftes Endspiel zum Endstand von 6:2 verwertete. Im Hintergrund verfolgt Lehnerts Teamkollege Norbert Heck den Partieverlauf.